… das Böse mit Gutem überwinden …

4. Sonntag nach Trinitatis, 05. Juli 2020 in Hartmannsdorf

Die Texte des heutigen Sonntag sind so etwas wie die Basics des Christentums. Das Wort für diese Woche, die Epistellesung und das Evangelium haben dasselbe Anliegen: Sie vermitteln wie Jesu Jünger miteinander und mit denen die (noch) nicht dazugehören umgehen sollen.

Ja, wir kennen diese Texte und doch empfinden es die meisten unter uns als sehr schwierig, diese Umgangsregeln in die Praxis umzusetzen – ich lese uns zum besseren Verständnis noch einmal im Brief der Paulus an die Römer im 12. Kapitel:

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).

21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Liebe Gemeinde,

ein steiler Satz den Paulus da aufgeschrieben hat:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Wenn wir uns die Nachrichten anschauen, wenn wir Zeitung lesen, wenn wir mit den Menschen in unserer Umgebung über das Gute und das Böse in dieser Welt reden, dann möchte man doch sagen: Lieber Paulus, wie um alles in der Welt, soll ich all das Böse mit meiner kleinen Kraft und mit dem bisschen Gutem das ich vermag bitteschön überwinden? Und wo sollen wir denn da anfangen?

Oft müssen wir die Erfahrung machen, dass einige Zeitgenossen bereits so gefühlskalt und gleichgültig geworden sind, dass sie freundlich entgegenkommende Worte und Gesten entweder ignorieren oder sogar ausnutzen um  noch dreister die eigene Meinung und ihre Interessen durchzusetzen.

Wir alle kennen das Sprichwort: Der Klügere gibt nach. Doch immer öfter höre ich auch die erweiterte Version dieses Sprichwortes, die da lautet: Der Klügere gibt nach, bis er der Dümmere ist.

Ja, es scheint so, dass Durchsetzungsvermögen, Selbstbehauptung und Eigenregie die Gebote der heutigen Zeit sind:

Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und was der Mensch säht, das wird er schließlich ernten.

Weshalb lesen wir  dann heute diese Texte? Müssen wir da nicht vielmehr sagen: Also Paulus, deine Briefe mögen ja vielleicht den Römern vor zweitausend Jahren etwas genützt haben aber in unsere herzlose, kalte Welt passen sie nicht. Sei froh, dass du damals gelebt hast und nicht heute?

Ich glaube, so einfach können wir uns das nicht machen:

Paulus war ja gerade wegen seiner Worte und Sätze, die er predigte und in seinen Briefen schrieb mehrfach ins Gefängnis gekommen. Alles in allem denk ich, dass der allgemeine Umgangston damals auf keinen Fall freundlicher war, als er heute ist.

Im Gegenteil, die Herrschenden damals werden ihre Gesetze wohl noch viel willkürlicher ausgelegt und benutzt haben als es heute der Fall ist und das Leben eines einfachen Mannes wie Paulus wird wohl nicht allzu viel gegolten haben, wenn es hart auf hart ging.

Wenn es also damals mindestens genauso aussichtslos war diese Dinge zu praktizieren, warum schrieb Paulus sie dann auf und wieso halten wir überhaupt daran fest?

Wichtig erscheint mir, dass Paulus hier nicht etwa als der erleuchtete, abgehobene Meister auftritt, dem das alles bereits gelang. Im gleichen Brief, einige Kapitel weiter vorn schreibt er:

„Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19)

Paulus kennt und bekennt hier eine merkwürdige Diskrepanz zwischen dem, was er als richtig und gut erkannt hat und dem was er dann aber tut, eine Diskrepanz, die uns allen sicherlich ebenfalls vertraut ist. Dieses lebensnahe Bekenntnis macht uns Paulus nicht nur sympathischer, sondern gibt uns möglicherweise auch den Schlüssel in die Hand, mit welchem wir beginnen können uns an die Umsetzung dieser schwierigen Vorgaben heranzuwagen.

Wann immer wir das eine wollen, weil es für uns stimmig und gut ist, jedoch etwas ganz anderes in die Tat umsetzen, ist Angst im Spiel.

Angst, nicht ernst genommen zu werden –  Angst zu kurz zu kommen – Angst nicht gemocht zu werden und so weiter und so fort …

Und was tun wir dann hinterher regelmäßig, wenn wir aus solch einer Situation wieder heraus sind? Wir verurteilen uns selbst dafür: Wieder waren wir nicht ehrlich! Wieder waren wir nicht mutig! Wieder haben wir die Gebote unseres Herrn nicht erfüllt! Wir fühlen uns klein, unzulänglich und erbärmlich.

Wir verurteilen uns selbst und damit versuchen wir auch tief in unserem Herzen das Böse mit dem Bösen zu überwinden und lassen uns letztlich vom Bösen überwinden!

Wie aber könnte es gelingen das Böse, was wir in uns wahrnehmen mit Gutem zu überwinden?

Dass wir, statt uns selbst zur Schnecke zu machen, das Böse einfach selbstkritiklos ausleben, kann ja auch niemand und wir zu allerletzt wollen.

Und natürlich wollen wir die schlechten Gefühle, die sich in so einer Situation zeigen nicht verdrängen.

Sie haben ja ihren Sinn, zeigen Sie uns doch an, dass eben auch das Böse in uns angelegt ist und gerade am Wirken war.

In diesem Zusammenhang sollten wir langsam lernen das alte Spiel nicht mehr mitzuspielen: Sucht nicht den Himmel über den Wolken und die Hölle unter der Erde! Alles, alles ist in unseren Herzen angelegt. Gottes Schöpfung ist vollkommen und gerade der Mensch ist es, mit all seinen Möglichkeiten, den guten aber auch den bösen. Unsere Aufgabe in diesem Leben ist doch, dass wir uns wieder und wieder entscheiden Gutes zu tun!

Habe ich dies erkannt, so kann ich barmherziger mit mir selber umgehen, kann mir das Gesagte oder Getane verzeihen und es kann mir trotzdem, oder gerade deshalb, beim nächsten Mal besser gelingen.

Möglicherweise ist dies der einzige Weg, das Böse mit Gutem zu überwinden, dass ich das Böse in mir als Potential, als Möglichkeit akzeptiere: Ja, auch das steckt in mir und es sucht sich seinen Weg in meine Persönlichkeit meist dann, wenn ich ängstlich und unsicher bin.

Wenn wir dazu stehen, zunächst erst einmal vor uns selbst, machen wir uns unserer dunklen Aspekte bewusst. Wir holen sie aus dem Unbewussten, sozusagen aus dem Keller der Seele.

Im Licht des bewussten Anschauens sehen wir möglicherweise viel Wut, Ungeduld, oder Zweifel.

All das haben wir einst ausrangiert, in den Keller des Unbewussten getragen, weil es niemand an uns sehen wollte und wir letztlich dann auch nicht.

Doch könnte man die Kraft der Wut nicht dafür nutzen, sich für sich selbst und für andere stark zu machen, wenn es darauf ankommt?

Zeigt unsere Ungeduld nicht an, dass wir so wie bisher nicht mehr weiter machen wollen und lieber der Sehnsucht unserer Seele folgen sollten, einen längst veratenen Traum wieder zu träumen und zu leben?

Könnte uns unser Zweifel nicht dahin führen, dass wir Dinge, die schon immer so sind, wie sie sind zu hinterfragen? Und könnten wir so aufhören alte Zöpfe zu flechten?

In diesem Sinne dürfen wir zunächst bei uns selbst beginnen das Böse mit Gutem zu überwinden, oder besser das, was wir in uns für böse halten in den Dienst für das Gute zu stellen.

In dem Maße wie uns dies gelingt, werden wir dies auch ganz selbstverständlich an andere Menschen ausstrahlen. Das, was uns Paulus sagt und was uns so schwierig zu verwirklichen scheint, wird schließlich zu unseren Natur.

Wie das aussehen kann, zeigt uns Paulus selbst. Als er und Silas, sein Mitarbeiter, geschlagen wurden und ins Gefängnis kamen, drohten und schimpften sie nicht etwa, oder versuchten auszubrechen.

Die Apostelgeschichte erzählt uns dazu:

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! (Apg 16, 25-31)

Paulus betet und singt Psalmen, als Antwort auf eine für ihn ziemlich deprimierende Situation. Sicher hätte er allen Grund gehabt, wütend uns aggressiv zu reagieren. Bestimmt hätte er auch gern lauthals protestiert, doch er entschied sich bewusst anders. Am Ende gewinnt er noch den Kerkermeister für Jesus.

Du kannst diese Geschichte belächeln. Du kannst sagen: „Ja, damals geschahen eben noch Wunder.“ oder „Ich bin doch Gott nicht so nah wie Paulus!“

Du kannst aber auch beginnen, in jenen kleinen Situationen, in denen du dich unzulänglich und klein fühlst, dich für Bewusstheit und das Gute in dir zu entscheiden, zu beten und zu loben.

Mag sein, dass es dir nicht sofort gelingt, doch mit der Zeit werden die Wunder in deinem Leben immer größer werden und dein Lächeln immer herzlicher – denn Gottes Liebe und Barmherzigkeit sind größer als wir mit unserem Verstand erfassen können, sie bewahren unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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