die Weisheit in der Schöpfung

Sonntag Jubilate, 12. Mai 2019, in Naundorf


Blick vom Pfaffenstein (Sächs. Schweiz), Foto: Rex Maximilian Retsch

Jubilate, oder Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich! Am heutigen Sonntag steht die Dankbarkeit für Gottes gute Schöpfung im Mittelpunkt unseres Gottesdienstes.

Schöpfung, da denken wir an graue Vorzeiten als Gott die Welt und alles was darin lebt aus dem Chaos zum Leben rief. Oder auch an die „neue Schöpfung“ die durch das Ostergeschehen beschrieben ist. Und nun? Ist alles fertig und wir freuen uns – hoffentlich – daran? Dass das nicht so ist und was Schöpfung mit uns zu tun hat, erfahren wir im heutigen Predigttext – ich lese in der Buch des Sprüche im 8. Kapitel:

22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.
23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.
24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.
25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,
26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.
27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe,
28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe,
29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte,
30 da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;
31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.
32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten!
33 Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind!
34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore!
35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Dieser alte Text erinnert mich an einen jüngeren, wenngleich dieser jüngere Text für uns immer noch sehr alt erscheint. Ich denke an den Beginn des Johannesevangeliums:

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.
3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen
.

Das Wort, oder Logos – wie es im griechischen Urtext heißt wird in der Tradition unserer Kirche mit Christus gleichgesetzt. Und wenn man sich die anderen Texte des Sonntags anschaut den Wochenspruch uns das Evangelium, so sollte man durchaus annehmen, dass auch unser Text ein Alttestamentlicher Hinweis auf Christus ist.

Möglicherweise ist dies von denen, die diesen Text für den Sonntag Jubilate verordnet haben auch so beabsichtigt gewesen.

Tatsache ist jedoch, dass das Buch der Sprüche mit diesen Versen ursächlich nicht Christus im Blick hatte. Auch der Evangelist Johannes nimmt mit dem Begriff „Logos“ vordergründig Bezug auf den heutigen Predigttext und verknüpft ihn damit mit dem Inhalt seines Evangeliums.

Doch wer spricht nun in diesem Text zu uns? Wer war zu allererst bei Gott und spielte auf seinem Erdkreis?

Wie so oft kann man die Begriffe aus den alten Schriften in vielfacher Weise übersetzen, Logos heißt in der antiken Philosophie so viel wie:

auf Verstehen angelegte Rede aber auch menschliche oder göttliche Vernunft oder umfassender Sinn, was wir wiederum oft als Weisheit bezeichnen.

Und tatsächlich beginnt der Abschnitt, aus welchem unser heutiger Predigttext stammt mit den Worten:

Ruft nicht die Weisheit, und lässt nicht die Klugheit sich hören?

Die Weisheit also ist Gottes Begleiterin vom Anbeginn aller Zeit! Das mag uns vielleicht verwunderlich vorkommen, doch ist es nicht in der ganzen Schöpfung offensichtlich, dass Gottes Weisheit mit im Spiel gewesen sein musste, als diese Welt erschaffen wurde?

Wie sonst würde das Leben mit all seinen Wundern bis heute so vielfältig und doch präzise auf aufeinander abgestimmt in unzähligen Formen sich selbst und seinen Schöpfer feiern können?

Und doch liest sich der Text nicht glatt und harmonisch für mich. Ich will nicht behaupten, dass mich etwas stört, aber doch stolpere ich über einige Passagen:

Die Weisheit spielt vor Gott? Wie kann das sein?

Wenn wir uns einen weisen Menschen vorstellen, dann sitzt er vielleicht irgendwo und beantwortet die Fragen der vielen Menschen, die Ihn aufsuchen um einen Rat zu bekommen.

Oder wir sehen jemanden, der eine Schar wissbegieriger junger Menschen um sich geschart hat und sich als ihr Lehrer oder Meister versteht. – Aber jemand der spielt, ist in unseren Augen nicht weise, oder? …

Ich weiß nicht, ob Sie es gerade bemerkt haben: mir geht es dabei so wie den meisten von uns. Wir können die Weisheit selber kaum beschreiben und wenn wir es versuchen, beginnen wir uns allgemein als weise anerkannte Menschen vorzustellen und deren Verhaltensweisen zu beschreiben.

Möglicherweise denken wir dabei an bestimmte Personen, wie Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela.

Aber vielleicht kommen wir ja so der Weisheit zumindest etwas näher?

Wir sind dabei in guter Gesellschaft, auch moderne Wissenschaftler forschen neuerdings ernsthaft in solchen Bereichen.

Die Professorin für Entwicklungspsychologie an der Uni Wien mit dem wunderschönen Namen Judith Glück wollte herausfinden, was weise Menschen ausmacht.

Sie forschte und kam zusammengefasst auf folgende fünf Hauptfaktoren:

Weise Menschen sind offen, sie zeigen die Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen, andere Denkweisen, sowie Veränderungen einzulassen

Weise Menschen ignorieren oder verdrängen ihre Gefühle nicht. Sie nehmen sie wahr, messen ihnen Bedeutung bei und wissen eben deshalb mit ihnen auch so umzugehen, wie es eine Situation erfordert.

Weise Menschen haben Einfühlungsvermögen, sie schalten ihr Mitgefühl nicht aus, wenn es um Menschen geht, die sie als anders und als einer fremden Gruppe zugehörig empfinden.

Denn sie wissen, dass Menschen überall verschieden sind, wer überall Freunde gefunden hat, dem wird es schwer fallen, sein Mitgefühl gegenüber anderen abzuschalten.

Weise Menschen denken nach. Sie tun das gerne und mehr als andere Leute, und vor allem denken sie oft etwas weiter, werden Misstrauisch bei zu einfachen Lösungsvorschlägen für komplexe Themen.

Weise Menschen unterliegen nicht der Illusion das eigene Leben kontrollieren zu können Sie wissen um die eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Sie leben trotzdem nicht in ständiger Angst, da sie wissen, dass sie die Kraft haben, zu bewältigen, was auch immer passiert.

Kann mir Frau Glück weiterhelfen die Weisheit zu verstehen? Ich denke schon, zumindest ein Stück weit.

So erkenne ich doch all diese Faktoren in der uralten Botschaft wieder.

Ich kann mir vornehmen offen zu bleiben, um mit den Möglichkeiten zu spielen, die das Leben für mich bereithält.

Ich kann mir Zeit nehmen, mich darauf einzulassen, meine Gefühle wieder wahr zu nehmen. Denn dadurch kann ich die Verbundenheit der Dinge hinter dem Sichtbaren erspüren.

Ich kann mich bemühen, Menschen mit Mitgefühl zu begegnen. Dann merke ich, dass wir alle einzigartig und doch gar nicht so verschieden sind. Welch ein Friede kann daraus entstehen!

Ich kann mein Gehirn vielseitig benutzen, statt es nur halb genutzt durch die Welt zu tragen. Dann werde ich erkennen, wo durch allzu einfache, pragmatische Lösungen, die Belange der Schwachen einfach übergangen werden sollen und ich kann dann durch unbequeme Fragen und Hinweise, möglicherweise einer für alle besseren Lösung zum Durchbruch verhelfen.

Ich kann die kontrollierenden und kreiselnden Gedanken in meinem Kopf versuchen immer mehr durch Gottvertrauen zu beruhigen. So gebe ich Gott die Chance durch mein Leben etwas wunderbares zum Ausdruck zu bringen, anstatt meine kurzsichtige Version des Lebens, die ich durch mein Tuntun – Machenmachen erschaffe, immer wieder auf Kurs zu bringen zu müssen.

Und noch etwas erkenne ich dabei:

Weisheit findet nicht in den Elfenbeintürmen verstaubter Universitäten statt, sondern hier mitten im Leben! Wer genau hingehört hat, dem wird nicht entgangen sein, dass die fünf Punkte, die Frau Professor Glück herausbekommen hat, so ziemlich dem Ideal eines Christen entspricht:

Offenheit, Emotionalität, Mitgefühl, Mit- und Weiterdenken und vor allem Gottvertrauen.

Diese Eigenschaften vereinen sich in Jesus Christus in idealer Weise. Er, der mitten im Leben unter den Ärmsten und Kränkesten war und keine Titel oder sonstige Privilegien für sich beanspruchte.

Und so schließt sich hier für mich der Kreis:

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.
3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Schöpfung passiert ständig. Sie begann vor allen Zeiten, wurde durch die Auferstehung Christi neu begründet und geschieht bis heute, mitten in unserem Leben.

Wir dürfen uns davon berühren lassen. Das gelingt uns dann, wenn wir darauf vertrauen, dass die Kraft, die von Anbeginn alles durchdrungen hat, auch für uns zur Verfügung steht. Es ist die liebende Weisheit Gottes, die höher ist als all unser mühsames Verstehen und unsere engstirnige Vernunft. Sie bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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