Was ist Wahrheit?

Sonntag Judika, 07. April 2019, in Oberbobritzsch und Naundorf


Foto: Maria Retsch

Evangeliumslesung: Mk 10,35–45

35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. 
36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? 
37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. 
38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? 
39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 
40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. 
41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 
42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 
43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 
44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 
45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus wollen es wissen: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. So bitten sie. 

„Beziehungen sind eben alles.“ so haben wir zu DDR-Zeiten oft gesagt. Heute sagen wir eher „Eine Hand wäscht die andere.“ Doch die Wahrheit dahinter ist dieselbe: gibst du mir etwas, so gebe ich Dir etwas. Und mit diesem Handel haben wir beide einen Vorteil – beide haben einen Gewinn. Bis heute ist diese Verhaltensweise Realität, also eine Wahrheit.

Für Jesus sind solche Deals nichts. Ihm geht es um eine andere Wahrheit. Doch kann es mehr als eine Wahrheit gleichzeitig geben? Das fragt man sich immer wieder, wenn man Jesus aus den Evangelien sprechen hört. Ich lese im Evangelium des im 18. Und 19. Kapitel: 

28 Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium; es war aber früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. 
29 Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? 
30 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet. 
31 Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten. 
32 So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. 
33 Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? 
34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt? 
35 Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? 
36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. 
37 Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. 
38 Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. 
39 Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe? 
40 Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber. 
1 Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln.
2 Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an 
3 und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. 
4 Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. 
5 Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch! 

Was ist Wahrheit? 

Das habe ich mich oft gefragt, als meine Kinder klein waren. Als ich nach dem Verbleib der Streusel auf dem Kuchen forschte und die Kinder sich in dem berühmten Satz einig waren: „Ich war´s nicht!“ 

Was ist Wahrheit? 

So fragen wir uns oft, wenn wir unseren Politikern zuhören, welche alle durch die Bank weg grandiose Argumente für und wider dieselbe Sache heranziehen. 

Was ist Wahrheit? 

Wird sich wohl so mancher Richter fragen, wenn er die oft so unterschiedlichen Aussagen von Klägern und beklagten und den Zeugen im Prozess hört.

Und man mag sich fragen gibt es sie überhaupt, die eine Wahrheit? 

Über diese Sache ist viel geforscht worden und es scheint, wenn man den Forschungen Glauben schenken möchte, wirklich keine absolute Wahrheit in vielen Dingen zu geben. Das hängt mit unserer Wahrnehmung zusammen – damit wie wir etwas Wahr nehmen – wie wir uns also im wahrsten Sinne die Wahrheit nehmen.

Kommunikationswissenschaftler haben herausgefunden, dass wir alles durch Filter wahrnehmen. Und diese Filter sind bestimmt durch unsere Prägungen, durch unsere Konditionierungen.

Durch die Konditionierungen entstehen in uns Glaubenssätze über uns und unsere Welt. Als Kind lernen wir von anderen Menschen wer wir sind und wie die Welt funktioniert. Gleichzeitig verengt sich dadurch unser Blickradius. Wir sehen etwas, sortieren es in unsere erlernte Sichtweise ein und bestätigen uns damit unsere eigenen Glaubenssätze: „Ja, ich habe es gerade wieder erlebt, so bin ich und so ist das Leben – das ist wahr!“

Damit entsteht unsere Wahrheit ziemlich eingeschränkt und unbewusst, denn wir hinterfragen unsere Wahrnehmung meistens nicht mehr.

Es gibt jedoch noch eine Zweite Ursache, die zu sehr bewusst veränderten Versionen der Wahrheit führen. Doch auch hier sind es die Wenigsten, die aus rein böser Absicht handeln, denn die Meisten werden meist von einer Angst angetrieben, die Wahrheit so zu verändern, dass sie selbst möglichst unbeschadet aus einer Situation heraus kommen.

Wenn mein Kind gewusst hätte, dass ich ihm keine Strafpredigt halte, oder dass die Geschwister nicht sauer werden ob der fehlenden Streusel, hätte es wohl kein Problem damit zu sagen: „Ja, ich habe die Streusel gegessen und sie waren lecker!“

Wenn Politiker nicht unter Erfolgsdruck stünden, würden sie sich nicht viel öfter und schneller im Sinne der Allgemeinheit einig? 

Und wenn wir uns, in dieser Gesellschaft, nicht gegenseitig so hart be- und verurteilen würden, würden wir dann nicht viel öfter einer Bitte um Vergebung statt einer Klageschrift gegenüber stehen? 

Wenn wir nun zurückkommen auf den Predigttext und damit auf das unwürdige Spiel der Mächtigen in Jerusalem vor zweitausend Jahren, so sollten wir uns hüten von den bösen Juden oder jüdischen Priestern, oder vom grausamen Pilatus zu sprechen und damit diese Menschen wiederum postum zu verurteilen.

Denn genau die oben beschriebenen Muster werden in diesem Text grandios aufgezeigt: 

Für die einen – die Priesterschaft in Jerusalem – ist es tatsächlich die Wahrheit, dass dieser Gotteslästerer verurteilt werden muss. Sie sind ihr Leben lang auf die jüdische Tempeltradition ausgerichtet worden. Sie wurden daraufhin ausgebildet. Sie haben ganz für diesen Dienst gelebt und sicher auch das eine oder andere Opfer für diese Lebensweise erbringen müssen. Wenn wir sagen, dass Jesu Lehren für sie eine Provokation war, so untertreiben wir gewaltig. Sie war in den Augen der Priesterschaft schlichtweg eine Unmöglichkeit, weit ab von jeglicher Wahrheit. 

Und Pilatus? Was es über ihn zu sagen gibt, das bezieht sich allerdings nur auf den Pilatus in diesem Text. Über den historischen Pilatus weiß man zu wenig. Und das was man weiß legen den Verdacht nahe, dass der historische Pilatus solch ein skrupelloser Mensch war, dass er unmöglich ein solches Gespräch mit Jesus geführt hätte. Er hätte ihn wohl nicht einmal angehört. 

Die Figur, die uns hier jedoch als Pilatus beschrieben wird, ist sehr bemüht, die Wahrheit zu ergründen über diesen Jesus. Er will in diese innerjüdische Auseinandersetzung nicht hineingezogen werden und möglichst keinen Unschuldigen verurteilen. Zweimal versucht er sich aus diesem Prozess herauszuhalten. 

Er versucht den Juden eine Brücke zu bauen, so dass er Jesus doch freigeben könnte. Doch nun eskaliert die Sache erst recht. Die aufgebrachte Menge möchte Barabbas frei und Jesus am Kreuz sehen! Sie packen Pilatus bei der wohl einzigen Angst die er kennt, der Angst vor Machtverlust. 

Mit dem Vorwurf er würde sich mit der Unterstützung Jesu gegen den Kaiser stellen, haben sie ihn in Sack und Tüten. Der große Pilatus wird zum Jagdhund der Menge, zum schmutzigen Henker des Mobs. 

Und Jesus? Was spielt Jesus für eine Rolle in diesem Prozess? 

Ist er der gescheiterte Träumer? Der Märtyrer, der sich nach moralisch formvollendeter Rede in sein Schicksal ergibt? NEIN! 

Er bietet eine Wahrheit an, die jede Konditionierung und jede Angst überwindet. 

Was ist die Wahrheit? 

Im gleichen Evangelium finden wir eine ungewöhnliche Antwort auf diese Frage, in (Joh 14,6) steht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Für uns zeigt sich Wahrheit also in der Person Jesu. Beispielhaft sozusagen als unser Grundmaß. 

Ja, das ist unbequem. Man muss sich nur einmal die Bergpredigt durchlesen. Fast über jenen Satz stolpere ich. Diese Wahrheit, die Wahrheit von uns Christen, ist unbequem und anstößig. Ganz einfach, weil sie mit mir zu tun hat. Ich kann sie nicht auf einem moralischen Silbertablett vor mir hertragen. Diese Wahrheit verlangt von mir eine Haltung. Und das hat dann unweigerlich Auswirkungen auf das eigene Leben. 

Wenn ich das, was ich in Jesu Wahrheit erkenne ernst nehme, kann ich dann noch in meinen eingeschränkten Denkmustern verharren? Wenn ich ernst nehme, was Jesu mir verheißt, muss ich mich dann noch vor Angst verbiegen?

Pilatus und die jüdische Oberschicht schaffen es nicht, sich aus dem zu lösen, was sie gefangen hält. Sie entscheiden sich gegen die Wahrheit…  

Und wir? Wie entscheiden wir uns?  

Jesus steht auch uns gegenüber. Wollen oder können wir seine Wahrheit wahrhaben? 

Jesu Wahrheit, das ist die Gnade, Barmherzigkeit und Hilfe Gottes sind das Ziel und die Ernte – sie sind größer als wir mit unserem Verstand erfassen können und sie bewahren unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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