Weißt du wer du bist?

Sonntag Invokavit, 10. März .2019 in Pretzschendorf


Nordseeküste in Dänemark, Foto: Rex Maximilian Retsch (2015)

Steine werden zu Brot. Wäre es nicht großartig so etwas zu machen zu können? Jedoch es ist wichtig darauf zu schauen, wer solche Sätze sagt und möglicherweise das Blaue vom Himmel verspricht. Im Evangeliumstext ist für Jesus klar: Es sagt der Versucher, eine symbolische Gestalt. Die Bibel nennt sie Satan, Verdreher. Und ihm geht es keinesfalls um Brot zum Leben, sondern er will aufs Glatteis führen. Ihm geht es um Macht. Die beiden anderen Versuchungen machen das deutlich. Jesus soll vom Dach des Tempels herabspringen, und er soll auf die Knie fallen und ihn anbeten. 

Wunder tun, das bedeutet bewundert werden, im Mittelpunkt stehen, gemocht und angehimmelt werden. Wer sehnt sich nicht manchmal danach? 

Doch gerade wenn wir uns auf derartige Deals einlassen, geben wir viel von unserer Macht ab an Kräfte, mit denen wir doch eigentlich nichts zu tun haben wollen. 

Jesus wusste das – so wie wir das ja eigentlich auch alle wissen – und er blieb in dieser Situation ganz bei sich. Wenn wir das erkennen, haben wir einen Schlüssel, der uns den, zugegeben etwas spröden Predigtext besser verstehen lässt. Ich lese im Brief des Paulus an die Hebräer im 4. Kapitel: 

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit. (Hebr 4,14–16 )

Jesus ist unser oberster Priester, schreibt Paulus. Ein Hohenpriester, der genau weiß wie es uns oft geht, wenn wir uns schwach fühlen, wenn wir vor Hunger, vor Einsamkeit, oder vor lauter Kleinheitsgefühl jedem am liebsten glauben wollen, der daherkommt und uns etwas Schönes sagt und wie einfach wir es doch haben können – wir müssten doch nur ein bisschen dies oder jenes tun – vor diesem oder jenem auf die Knie fallen, das ist doch nicht weiter schlimm, oder?

Und Paulus stellt gerade hier einen gewaltigen Unterschied zwischen uns und Jesus fest: Jesus sei zwar in Versuchung geraten, doch ohne Sünde so formuliert es Paulus. 

Wie ist das gemeint? Jesus der „Super-Held“, der immer alles richtig macht und wir bekommen wiedermal nichts auf die Reihe? So, oder ähnlich ist es uns doch immer und immer wieder gesagt worden. 

Von unseren Eltern und auch von unserer Kirche – kein Wunder also, wenn wir das verinnerlicht haben! Kein Wunder, dass viele von uns sich immer mal wieder klein und minderwertig fühlen! 

Doch ich glaube ganz und gar nicht, dass dies ursprünglich so gemeint ist. Wie sollten wir denn so auch von einer „frohen Botschaft“ reden? 

Wer immer noch meint wir Menschen sollen uns klein und schlecht fühlen und dürften nur aus Gnade noch ein bisschen weiter vor uns hinleben, der möge sich mal selbst fragen aus welchem Machtstreben solches Denken herkommt. 

Jeder darf es endlich begreifen: Gott hat dich wunderbar gemacht und auch wenn du es nicht fassen kannst ist das so! Gott möchte nicht, dass Du ein bisschen vor dich hinlebst. Gott möchte, dass du dein Potential ausschöpfst und dein Leben zum Fest wird! 

Was hat es dann also damit auf sich, wenn wir in „Sünde“ sind und Jesus nicht? Wenn ich nun behaupte wir sind alle Gottes wunderbare Geschöpfe – und doch sind wir in Sünde? 

Zunächst einmal sollten wir den Begriff „Sünde“ einmal richtig einordnen: Wenn in der Bibel von Sünde zu lesen ist, ist nichts anderes, als das innerliche Getrenntsein von Gott gemeint. 

Das, was wir allgemein unter Sünde verstehen und worunter wir dann leiden sind vielmehr die Folgen dieses Getrenntseins. 

Wenn wir das so betrachten, können wir wohl auch von Erbsünde sprechen, denn dieses „sich getrennt denken“ haben wir ja von denen die vor uns da waren und vieles nicht besser wussten übernommen.  

Es sind Sätze wie: 

„Was bildest du dir eigentlich ein wer du bist?“ „Wie kann man nur so dumm sein?“ oder „Du bekommst wiedermal gar nichts auf die Reihe!“ 

Wer hat nicht solche Sätze als Kind und auch später noch gehört? 

All diese Botschaften, die wir meistens von uns sehr nahestehenden Menschen hörten, die es wiederum auch lediglich von anderen übernommen hatten und es nicht besser wissen konnten, haben über die Zeit dazu geführt, dass wir uns ganz und gar nicht mehr als die wunderbaren Geschöpfe Gottes fühlen.  

Wenn ich nun aber davon spreche, dass Sünde lediglich ein getrenntsein von Gott ist, wie können wir dann diesen Zustand überwinden und wieder Zugang und Nähe zu Gott finden? 

Etwa viel Geld spenden? Sich ehrenamtlich für Arme und anderweitig Benachteiligte einsetzen? All dies hat durchaus seine Berechtigung, wenn es nicht dazu führt, dass wir uns noch kleiner und ohnmächtiger Fühlen, wenn wir merken dass wir damit die Welt nicht ändern können. 

Doch Jesus lebt uns vor, was hierbei viel wichtiger ist. Er sagt im Johannesevangelium: 

Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. (Joh 4,24) 

Wir können uns also im Geist wieder mit Gott verbinden. Doch wie geht das? Jesus hat es uns in der Wüste vorgelebt. Er konnte den Versuchungen widerstehen, weil er klar und echt geblieben ist in Herz und Geist. Er hat nicht das geglaubt was er gerne glauben wollte und nicht gehört was er gerne hören wollte, hat sich also selbst nichts vorgemacht, war nicht aus, auf Anerkennung oder Bewunderung durch andere. Und er hat sich niemals mit jemand anderes verglichen, seine eigene Person etwa mit den Maßstäben des Petrus oder eines anderen Menschen beurteilt.

Nein es gab kein Grübeln, was könnte dieser oder jener über mich denken. Kein „naja, dass kann ich doch jetzt nicht sagen, wer bin ich denn schon …“ 

Sondern Ja – da war nur tiefes Vertrauen, dass Gott in seinem Sohn schon das Richtige hinein gegeben hat. Daher konnte Jesus bei dem bleiben, was er als richtig erkannt hat und so den Versucher bloßstellen. Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm

Kompromisse in der Geisteshaltung kann es also überhaupt nicht geben, wenn wir mit Gott in Verbindung bleiben wollen. Und wer immer noch denkt – naja der Jesus mit dem darf ich mich ja nun gar nicht vergleichen der war ja ganz was Besonderes. 

Dem sage ich ja, das ist er – etwas ganz Besonderes. Doch wir unterschätzen in der Regel massiv das, was Gott in uns, die wir uns doch Gottes Kinder nennen, angelegt und geschaffen hat. 

Wir dürfen uns unseres Selbst jetzt immer bewusster werden, dürfen uns als die geliebten und mit göttlichen Gaben beschenkten Kinder Gottes fühlen und uns damit die innere Klarheit schaffen, die unser Herz für die Liebe Gottes, zu uns und allen seinen Kindern öffnet. 

Das ist mit Nachfolge Jesu gemeint. Keine Selbsterniedrigung oder Geißelung auf physischer oder psychischer Ebene, sondern Bewusstwerdung und Klarheit, sowie unser offenes Herz, welches Gottes ewige Liebe wiederspiegelt. 

Wir sollen doch Jesu nicht nachfolgen indem wir möglichst seinen leidvollen Weg wiederholen und uns im Außen damit präsentieren. Wir dürfen ihm nachfolgen in der Liebe zu uns und unseren Nächsten. In unserer Abgrenzung gegenüber Dingen und Personen, die wir als verwirrend, unklar und verunsichernd war nehmen. 

Wir dürfen uns darüber freuen, dass heute in diesem Land niemand dafür gekreuzigt wird, auch wenn wir nicht mit der Begeisterung unserer Mitmenschen für eine neue klarere und bewusstere Haltung rechnen sollten, welche uns ja dann nicht mehr so berechenbar und manipulierbar macht. 

Paulus hat damit ebenfalls seine Erfahrungen gemacht, die ihn veranlasste zu schreiben, Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit. 

Ja, Gnade, Barmherzigkeit und die Hilfe Gottes sind das Ziel und die Ernte – sie sind größer als wir mit unserem Verstand erfassen können und sie bewahren unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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