Liebe – trotz allem …

10. Sonntag nach Trinitatis, 05. August 2018, in Niederbobritzsch:

Liebe Gemeinde, wenn ich jetzt feststelle, dass es sehr warm ist, dann ist das eine Binsenweisheit, denn jeder spürt es ja selbst am eigenen Leib. Viel zu lange schon und ein Ende ist nicht abzusehen! Die heftigen aber kurzen Gewitter der letzten Tage bringen kaum Abkühlung und wenn, dann nur kurz.

Schon fragen die Einen besorgt: „Ist das jetzt die Klimaerwärmung?“ und schon bemühen sich die Anderen zu beschwichtigen: „Nein nein, heiße trockene Sommer gab es immer schon mal, alles völlig normal.“

Ich persönlich stehe da vielleicht etwas auf verlorenem Posten, aber ich denke dann immer: „Was braucht ihr noch für Wetterkapriolen um zu merken dass es ernst ist? Und wann begreift Ihr, dass es für jeden einzelnen sehr einfach wäre, dagegen etwas zu tun, dass der „Verzicht“ den wir dazu auf uns nehmen müssten (wenn wir überhaupt von einem Verzicht reden können) sich letztlich in doppelter Weise für uns als Segen erweisen würde?“

Aber darum soll es heute nicht gehen, nicht um das Klima, nicht um das Wetter und schon gar nicht über meine Meinung darüber. Worum es aber heute geht, ist das Phänomen, das Menschen meist das zu glauben bereit sind, was ihnen am besten in den Kram passt, was sie schon immer geglaubt haben, oder sich überhaupt zu glauben trauen. Und wie, oder ob man überhaupt, mit solchen Menschen umgehen sollte

Dieses Phänomen hat bereits Paulus bei dem Volk aus dem er ursprünglich stammt, den Israeliten entdeckt. Ich lese uns im Brief des Paulus an die Römer im 9. Und 10. Kapitel:

1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist,
2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe.
3 Denn ich wünschte, selbst verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch.
4 Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit.
31 Israel aber, das dem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat das Gesetz nicht erreicht. 32 Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus Glauben suchte, sondern als komme sie aus Werken. Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes, 33 wie geschrieben steht (Jesaja 8,14; 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«
1 Brüder und Schwestern, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. 2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. 3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. 4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. (Röm 9,1-5.31 bis 10,4)

                 

Einige haben es noch vor sich, Andere sind gerade dabei und wieder Andere erinnern sich hoffentlich noch gern daran. Ja, auch wir sind schon aus dem Urlaub zurück und hatten viele Begegnungen mit wunderbaren Menschen.

Wir tingelten an der Nordseeküste Dänemarks immer weiter nach oben um schließlich mit der Fähre nach Südnorwegen überzusetzen. Und spätestens auf der Fähre war Schluss damit, deutsch sprechen zu wollen! Entweder man versuchte sich auf Englisch, oder man schwieg sich aus und schaute den, der einen ansprach nur mit großen Augen an …

Das Schöne daran war, dass man erst im zweiten oder dritten Moment merkte, ob man mit einem Norweger, Dänen, Schweden, Finnen, Engländer oder Russen spracht. Und sonderbar lustig war es, wenn jemand plötzlich mit seinem Englisch an Ende war und man merkte: „Ach du auch? Du kommst auch aus Deutschland?“

Warum erzähle ich das? Was hat mein Urlaubserlebnis mit dem Paulustext zu tun? Ganz einfach: Ich durfte am eigenen Leib erleben, dass Grenzen immer nur von uns Menschen gemacht werden.

Sind wir gezwungen, unsere durch Grenzen vermeintlich erzeugte Sicherheit zu verlassen, zum Beispiel dadurch, in einer fremden Sprache kommunizieren zu müssen, merken wir plötzlich, dass wir mit „den Anderen“ viel mehr gemeinsam haben als uns voneinander trennt.

Das ist eine tolle Erfahrung, die ich jedem wünsche, aber Vorsicht, dabei gerät auch schnell etwas unter die Räder! Unsere sorgsam gepflegten und gehüteten Vorurteile lösen sich dann schnell nämlich in Nichts auf …

Denn die eigentlichen Grenzen existieren ja nicht auf der Landkarte, sondern sind eben genau diese Vorurteile in unseren Köpfen. Sie grenzen uns ab gegen Menschen, die anders leben, sich anders kleiden, anders sprechen, oder aber anders glauben.

Um diese abgrenzenden Vorurteile geht es auch Paulus. Er ist zu tiefst überzeugt, dass die Israeliten auf dem falschen Weg sind. Er, der den Glauben an Christus mit jeder Faser seines Seins zum wachsen und gedeihen bringen will, sieht sich mit der schroff ablehnenden Haltung der Israeliten konfrontiert.

Und doch bittet er für seine Landsleute und möchte sich selbst dafür hergeben, damit sie an seiner Erkenntnis und seinem Glauben teilhaben könnten.

Wie schafft er das? Warum sieht er die Israeliten nicht als seine neuen Feinde an? Die Lösung liefert Paulus selber in seinem wohl berühmtesten Text im ersten Brief an die Korinther. Dort heißt es:

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

Paulus ist also voller Liebe. Liebe auch zu den Israeliten, die seine Botschaft und damit sogar ihn komplett ablehnen. Und trotz dieser Ablehnung ist diese Liebe nicht gescheitert. Einfach weil wahre Liebe nicht scheitern kann. Denn wer oder was könne uns daran hintern zu lieben?

Allerdings müssen wir Liebe dann neu definieren. Denn das, was wir Liebe nennen ist eigentlich nur ein Tauschhandel.

In der Regel treffen sich doch zwei Menschen, die sich gegenseitig nur von ihrer besten Seite zeigen und sagen: „Ok, ich liebe Dich, aber nur solange wie du mich auch liebst und ich liebe dich nicht für deine Fehler und Schwächen, die will ich gar nicht sehen.“ Und wenn die gegenseitig versteckten Mängel dann offenbar werden, merkt man, dass es mit der Liebe nicht so weit her war. Entweder man trennt sich, was heute ja kein Problem mehr darstellt, oder man trennt sich aus traditionell, ethischen Gründen nicht und versucht so gut wie möglich damit klar zu kommen.

Bei Variante Zwei, hat man dann oftmals die Chance zu der Liebe durchzudringen, die Paulus meint, den Anderen zunächst trotz und immer mehr vielleicht gerade wegen seiner Schwächen zu lieben.

Doch das kann nicht so aussehen, dass ich den Anderen versuche zu verändern! Aber wie soll das dann gehen? Wer kann schon so lieben?

Die Liebe die Paulus meint finde ich nur in mir selbst. Wenn ich in mich gehe und erkenne, dass ich ein vollkommenes Geschöpf Gottes bin und Gott dabei keinen Fehler gemacht hat – weil er mich genauso gemeint hat, wie ich bin. Und dann kann ich das ebenso auf all das übertragen, was es zu lieben gilt.

Mein Partner, meine Kollegen, oder wie bei Paulus die Israeliten, alle, die es uns schwer machen im Leben – was auch immer.

Das heißt nicht, dass wir uns zurücklehnen und sagen so bin eben und ihr müsst meine Eigenarten so hinnehmen, ein bisschen Rücksicht und Änderungswille ist durchaus angebracht. Aber ich muss mich nicht länger selbst verurteilen und mich mit Anderen vergleichen und dadurch in Konkurrenz setzen.

Im Gegenteil, wenn ich lerne mich selbst zu akzeptieren wie ich bin, kann ich auch die Anderen besser akzeptieren, ohne zu erwarten, dass nur die Anderen sich ändern, unsere Meinung übernehmen oder nach unserer Pfeife tanzen.

Genau das meint Paulus, wenn er schreibt:

meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. 2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. 3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan.

Wir alle sind hier um auf dieser Welt miteinander zu agieren mit all unseren Macken, wie wir das nennen.

Für Gott hat das alles einen sehr wichtigen, tiefen Sinn und auch für uns selbst. Das werden wir spätestens erkennen, wenn unser Leben vollendet ist, oder, wenn wir es wie Paulus erfahren dürfen, auch schon in diesem Leben.

Der tiefe Sinn ist, eben diese Liebe zu erlernen. Man nennt sie auch, die absichtslose Liebe. Paulus schreibt es so:

4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Ja, das mag sich so anhören wie: Der Klügere gibt nach, bis er der dümmere ist. Doch wenn es sich so anhört, dann stimmt die Richtung nicht. Dann versuchst Du die Anderen vor dir zu lieben, oder dich selbst gar nicht.

Fang auch beim Lieben mit dir selber an, Du hast es verdient! Denn die Liebe und Barmherzigkeit Gottes sind höher als all unser Verstehen und unsere Vernunft. Sie bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus

Foto von Min An von Pexels

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