Man sieht sich immer zweimal im Leben

4. Sonntag nach Trinitatis 09.07.2017
in Pretzschendorf:

In der Symphonie Gottes ist jedes Menschenleben eine eigene Melodie, ein Thema, wie die Musiker sagen. In einem Orchesterstück sind es oft mehrere solcher Themen, die sich umeinander ranken und, wenn die Musiker gut spielen, zu einem Gesamt­kunstwerk werden. Und manchmal ist es auf Lebenswegen so wie in einer guten Musik, wo Themen sich kreuzen, dass Menschen sich im Leben unverhofft wiedersehen. In einem solchen Fall ist es immer besser, man ist bei der ersten Begegnung gut auseinander gegangen. Ein Sprichwort sagt deshalb:

 „Man sieht sich immer zweimal im Leben.“

Ob das immer so stimmt wage ich sehr zu bezweifeln, aber in der Geschichte, um die es heute geht war das zumindest so, nur dass man eben vormals nicht im Frieden auseinander gegangen ist.

Ich lese im 1. Buch Mose im 50. Kapitel:

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.
18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.
19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

1. Mose 50, 15-21

„Man sieht sich immer zweimal im Leben!“ dieser Spruch kann positiv gemeint sein, vielleicht als Trost wenn man sich auf unbestimmte Zeit verabschieden muss und sich eigentlich noch viel zu sagen hätte.

Es kann aber auch eine Drohung darin stecken, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt und auf Rache gesinnt ist. Etwa nach dem Motto: „Irgendwann sehen wir uns wieder und dann sitze ich am längeren Hebel!“

„Man sieht sich immer zweimal im Leben!“ So oder ähnlich mögen die Brüder Josefs vielleicht mit einem beklemmenden Gefühl gedacht haben, als sie ihn in Ägypten wieder trafen. Josef, der Träumer, der Spinner im bunten Rock, den Lieblingssohn, vom Vater immer bevorzugt und dann hatte er sich auch noch für etwas Besseres gehalten …

Ausgerechnet dieser Josef war nun der zweitmächtigste Mann in Ägypten und sie waren ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Ja, es ist schon eine sehr interessante Geschichte, die da in der Bibel festgehalten ist. Sie beschreibt, wie aus einem verwöhnen, ziemlich naiven Jungen ein verantwortungs­bewusster Mann wird, der am Ende nicht nur für seine Familie sorgte, sondern das damals mächtigste Volk durch seine klugen Entscheidungen vorm Hunger bewahrte.

Der Lebensweg des Josef wäre eine eigene Predigt wert, aber darum soll es heute nicht gehen. Wie wir in Epistel und Evangelium gehört haben, geht es an diesem Sonntag darum, wie wichtig es ist Gottes Barmherzigkeit weiter zu geben und bei allen Urteilen daran zu denken, dass wir selbst an unseren Urteilen gemessen werden.

Als Menschen kommen wir an Urteilen ja nicht so ohne weiteres vorbei. Wir müssen immer wieder neu Situationen beurteilen: Ist die Straße frei, die ich überqueren will? Wie ist das Wetter heute und wie kleide ich mich so, dass ich nicht nass werde, friere oder mir zu heiß wird?

Kann ich meinen Mitmenschen meine Erwartungen, die ich gerade an sie habe zumuten, oder muss ich mich da zurücknehmen?

Wir müssen in fast jedem Augenblick unseres Lebens irgendetwas entscheiden und dazu Situationen beurteilen. Darin sind wir mittlerweile so geübt darin, dass wir es nur noch selten wahrnehmen.

Im Evangeliumstext warnt uns Jesus jedoch, wenn es um das Urteilen über unsere Nächsten geht. Schnell wird dann aus dem Beurteilen ein Verurteilen!

Schon die Silbe „Ver“ vor den Urteilen sagt mir, das dabei etwas schief läuft:

  • Wenn ich mich verlaufen habe, bin ich doch irgendwo falsch abgebogen.
  • Wenn ich etwas verliere, habe ich möglicherweise nicht richtig darauf aufgepasst.
  • Wenn ich die Bahn verpasse, dann habe ich mich nicht rechtzeitig auf den Weg gemacht.

Ja, und wenn ich jemanden verurteile, dann habe ich mir möglicherweise zu wenig über die Hintergründe Gedanken gemacht, warum jemand etwas tut oder nicht tut.

Und genau das haben Josefs Brüder ja damals getan, als sie ihn als Spinner und Träumer bezeichneten und ihn an die Sklavenhändler verkauften.

Sie wussten, dass es eigentlich die Sache des Vaters ist, alle seine Söhne gleich wert zu achten. Sie hätten merken können dass es die unschuldige Naivität des 17-Jährigen war, die Josef die Träume erzählen ließ, die sie so sehr störten.

Na klar, eine kleine Abreibung hätte dem Spinner schon gezeigt, dass auch er etwas Rücksicht auf seine Brüder nehmen sollte.

Doch sie konnten es nicht mehr ertragen! Blind vor Neid und Missgunst verurteilen sie ihn und sehen nur noch zu, wie sie ihn endgültig loswerden könnten. Und so übergeben sie ihn bei passender Gelegenheit an Sklavenhändler …

Doch die eigene Not auf Kosten anderer zu beenden erzeugt unweigerlich neue eigene Not: Und die Ernüchterung kommt schnell: Wie bringen wir das nun dem Vater bei? Schnell ist man dabei die Tat zu vertuschen und als tödlichen Unfall zu tarnen. Denn rückgängig können sie es nicht mehr machen, die Sklavenhändler sind mit Josef längst fort und nicht mehr einzuholen.

Umso erstaunlicher ist es, dass Josef nach all dem am Ende nicht auf Vergeltung aus ist.

Sicher am Ende sieht es so aus, als hätte er durch die Tat seiner Brüder gewonnen. Er ist reich und gesellschaftlich angesehen, hat Macht und alles was man sich nur wünschen kann.

Doch ich meine, der eigene Wohlstand ist es nicht was ihn so großzügig handeln lässt. Er hätte ja auch der Meinung sein können, dass er selbst eben das Beste aus der Situation gemacht habe und seine Brüder nun mal sehen könnten wer hier ein Träumer ist und wer nicht!

Denn niemals ist das Böse die Voraussetzung für das Gute! Wenn sich aus solch einer offensichtlich böse gemeinten Tat, wie sie hier am Anfang der Geschichte steht, etwas Gutes entwickelt, so ist das immer Gottes Anteil an der Geschichte und ohne sein Eingreifen gäbe es nur eine Kette wo Böses wiederum Böses gebiert!

Gott jedoch braucht das Böse nicht um seine Ziele zu erreichen. Es hätte viele Möglichkeiten gegeben Josef nach Ägypten zu führen. Denn auch Abraham ist durch seine Berufung nach Kanaan aufgebrochen und es hat ihn nicht als Sklave dorthin verschlagen!

Als Josef nach Ägypten kam hatte er Glück, dass er an einen Beamten des Pharao verkauft wurde, der seine Fähigkeiten schätzte und ihm das Wohl des eigenen Haushaltes anvertraute.

Doch dann kam es zu einer Wendung und er verliert wieder durch eine Intrige und Falschaussage alles. Er wird verurteilt und ins Gefängnis gesteckt, bevor er schließlich durch glückliche Umstände die Chance bekommt sich beim Pharao zu bewähren.

Josef hat in all dem Auf und Ab gelernt, dass man das Leben nicht selber durchplanen und inszenieren kann. Er weiß, dass es immer Situationen geben wird, in denen er selbst der Barmherzigkeit Gottes bedarf. Und deshalb lehnt er es ab, über seine Brüder zu urteilen.

Stehe ich denn an Gottes statt? Sagt Josef und meint damit das, was Jesus uns im Evangelium sagt: Es steht uns nicht gut zu Gesicht über unsere Nächsten zu urteilen. Wir alle sind eben wie Josef auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen und wenn wir diese für uns in Anspruch nehmen wollen, so können wir sie nicht für andere Menschen ausschließen, indem wir ihnen mit unserem Urteil Chancen verwehren, den Mut nehmen oder ihr Selbstwertgefühl beschädigen.

Josef kann sich möglicherweise noch daran erinnern, wie ihm zumute war, als ihm seine Brüder derart übel mitgespielt hatten. Er kann aber bestimmt nicht sagen, wie er damals anstelle seiner Brüder gehandelt hätte.

Genauso können wir uns oft nicht richtig in die Situation derer hineinversetzen, die wir beurteilen. Schon in diesem Sinne sind wir Blinde, die einem Blinden den Weg weisen wollen!

Wer es jedoch schafft, wie Josef den eigenen Blickwinkel so zu erweitern, dass das Gesamte seiner Geschichte erkannt wird, der kann gar nicht anders als barmherzig und großzügig zu handeln.

Damit schafft er nicht nur für seine Schwestern und Brüder eine neue Zukunft, sondern auch für sich selbst öffnen sich neue Wege in Vertrauen und Zuversicht. Wege auf denen Gott uns entgegen kommt.

Foto MPS, „Der Cellospieler“, CC-Lizenz (BY 2.0) aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

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